Vorsicht Heiler!!!

Neulich war ich auf der Messe Freude am Leben. Nicht, dass es mir daran fehlte, aber:
1. Kann man davon nicht genug haben
2. Fragte mich eine Freundin, ob ich nicht mit ihr hinginge und, zugegebenermaßen, sie könnte etwas mehr Lebensfreude vertragen
3. Hatte ich Schnupfen, meine Nase war völlig zu und ich hatte einen Tubenkatharr, wißt ihr, dass ist dieser seltsame Zustand, in dem der Kopf eine halbe Tonne wiegt und es in den Ohren klingt, als hätte man seinen Kopf mit Gewalt in ein gefülltes Goldfischglas gesteckt und liefe jetzt mit diesem auf der Rübe durch die Welt. Kurz, ich war erkältungstechnisch etwas indisponiert.
4. Nimmt die Zahl dieser Messen zu, wie die Pickel im Gesicht eines pubertierenden Teenagers nach Verzehr einer Schweinshaxe.
5. War ich neugierig, welche abgefahrenen Fische wohl hier im Reigen der Lebensfreude Suchenden herumschwimmen würden.

Nun, ich kam auf meine Kosten – im wahrsten Sinne des Wortes. Stand doch sogar am anfang der Messe schon ein Typ, mit einem Schild auf dem zu lesen war, er hätte die Luft in der Halle mit Shamballaenergie und seinem Geist energetisiert, damit es allen Besuchern sofort beim Betreten der Messe besser ginge und ihre Aufmerksamkeit (und Idiotie = polemische Bemerkung des Autors) gesteigert würde. Danke für die freimütige Gabe Oh großer Energetisierer, dachte ich noch so, da sah ich die Bettelschale vor ihm stehen und ein zweites Schild, auf dem er undezent darauf hinwies, dass die Energetisierung zwar toll und eigentlich unbezahlbar, aber im Eintrittsgeld nicht enthalten wäre. Also, und da hatte er sich wirklich Mühe gegeben die Abbildung eine 2 Eurostück auf DIN A 2 zu kopieren, wäre es nur gerecht, wenn jeder Besucher diesen Betrag spenden würde. Ach, und dann stand da noch: Danke für diese faire Geste. Ich überlasse es dem Leser, sich auszumalen, welches virtuelle Messer ich ihm in welchen realen Teil seines Körpers zu stoßen ich mir vorstellte.

Es ging also schon gut los.

Agatha (englisch ausgesprochen natürlich), meine Freundin aus Hamburg, hat es mit dem Darm, genauer gesagt sie hat Schlimmes mit dem Darm und sie leidet seit Jahren darunter. und natürlich war sie in ärztlicher Behandlung. Aber eine Aussicht auf Heilung konnte ihr keiner der Mediziner geben. Für manche Krankheiten gibt es zur Zeit eben noch kein Heilmittel. Genau wie vor 70 Jahren nichts gegen Lepra existierte. Also war sie auf den Gedanken gekommen einen hier anwesenden Quacksalber aufzusuch …. aber halt, ich urteile vorschnell. Also… einen Menschen hier auf der Messe zu konsultieren, von dem die, wie immer uninformierte, ignorante und auf Sensationsgeschicht….. aber ich schweife ab. Also … von dem in der Presse folgendes zu lesen war:
>Auf der Messe wird sich Ernesto Ananstatowinowsinous aufhalten. Er gilt als einer der größten Heiler Deutschlands. Sein Slogan ist: „Ich bin der Heiler schlechthin. Ich kenne keine Krankheit, die nicht heilbar wäre.“ <

Immerhin war der Preis, den man dafür zu zahlen hätte gleich mit abgedruckt, auch wenn es auf diesem Feld immer nur um das Heilbringen und nie um den schnöden Mammon geht, comprende? Für Neugierige sei gesagt, der Obulus reicht für eine Jahreskarte der Zone 2 der Münchner Verkehrsbetriebe, aber das nur nebenbei.
Nun gibt es kritische Stimmen, die sagen „Kranke werden von diesen Heilern gnadenlos ausgenutzt.“ Das stimmt nur halb, denn auch eigentlich Gesunde, so wie ich, sollen dran glauben. An die Heilkräfte nämlich, und wenn man ihnen notfalls erst irgendwelche Erkrankungen einreden muss.

Bevor es soweit war, hatten wir Gelegenheit den Heiler beim Heilen zu beobachten.
Da die Behandlungen öffentlich sind „…ich habe nichts zu verbergen …“ (wo nichts ist, muss nichts verborgen werden = wieder mal eine Polemik des Autors), ist jede Sitzung also eine Demo, denn der Gute „… nennen Sie mich Ernesto…“, lud die Umstehenden und die noch nicht zur Geldverbrennung bereit… – ich greife schon wieder vor, sorry – … in breitem Fränkisch und mit Stentorstimme verkündete, machte seine Heilungen, wie schon gesagt, immer coram publico.

Also, da lag eine unauffällige Frau mittleren Alters auf dem Behandlungstisch. Der Heiler stand an der Kopfseite und beugte sich über das Gesicht des Heilsuchenden, so dass er ihr in die Augen sehen konnte. Er fragte, was sie denn für Probleme habe.
„Ja, wissen sie, vor zwei Monaten hat mich mein Mann verlass …“ Der vielbeschäftigte Heiltitan schüttelt unwillig den Kopf.
„Gesundheitlich, meine ich natürlich, gesundheitlich“, grummelte er und verfluchte wahrscheinlich innerlich die Kuh, die ihm hier die Zeit stahl.
„Ach so, ja klar, ich bin durch eine Hirnhautentzündung taub geworden.“
Brakowic schrak zurück. Offenbar hatte er für einen Augenblick Einordnungsprobleme. Dann beugte er sich wieder über die Taube.
„Und wieso können sie mich dann hören und antworten mir?“, fragte er misstrauisch.
„Ich kann Lippenlesen. Aber glauben sie mir, es ist sauschwer es von ihren Lippen auf dem Kopf herum zu lesen.“ Ernesto zog sich vom Tisch zurück und fragte erneut:
„Und wie soll ich ihnen helfen?“ Keine Antwort. Logisch, die Frau war ja schließlich taub und konnte nun Lippen des Heilers nicht sehen.
Jetzt war der heilende Mann wirklich in Nöten. Entweder der Klient war ein Simulant und es stellte sich die Frage warum simulierte er oder er war taub und er musste ihn irgendwie behandeln, sprich loswerden.

Ein Pendel für den Alltag

Ein Pendel für den Alltag

Während er noch überlegte, wie er das Dilemma lösen sollte, schweiften meine Blicke und ihnen zwangsläufig folgend meine Gedanken zur Nachbarveranstaltung hinüber. Dort stand eine ältere Dame, sie so normal aussah wie die Frau, die in der Reinigung immer meine Hemden annimmt und mit der ich dann manchmal über das Wetter schwatze. Also eine eher unspektakuläre Gestalt, kein Irokesenschnitt, kein extravagantes Kittelchen mit chinesischen Schriftzeichen oder sonst etwas Auffälliges wie Klangschalen oder in Ziegenkäse getauchte Räucherstäbchen. Nur dass sie ein Pendel in der Hand hatte und vor der Nase einer anderen Dame, die gut aus der der Drogerie gegenüber dem Rathaus hätte sein können, herumpendelte war auffällig.
Die Pendelnde, stand vor einen Schild auf dem zu lesen war, dass es 100.000 Krankheiten auf der Welt gäbe, aber nur eine Gesundheit weshalb man bei ihr die Gesundheitswiederherstellung nach der sogenannten Prana Methode zu kaufen gäbe und wie zum Beweis ihrer Ernsthaftig- und Vertrauenswürdigkeit hatte sie während ihres rhythmischen Tuns, das sie mit ausgestrecktem Arm vollführte, die Augen geschlossen. Das Witzige dabei war, dass die bependelte Dame, also die Drogerieverkäuferin schon eingeschlafen war und vom Stuhl zu fallen drohte. Ich sah einen spektakulären Messe-Stuhlsturz voraus und dachte schon, ich sollte mich hier vielleicht als Hobbywahrsager für besondere Situationen verdingen. Hilfsbereit, wie ich nun mal bin, war ich drauf und dran ihr beizuspringen. Ihre Schlagseite wurde geradezu lebensgefährlich und ich hob schon die Ferse um rettend zu ihr zu eilen, da trat ihr Lebensgefährte aus dem Off hervor,  rüttelte sie wach und zog sie ohne ein weiteres Wort vom Ort der Heilung fort. Die Pendlerin (Ihr verzeiht, dass ich dem Ausdruck mal in veränderter Weise verwende) pendelte unverdrossen weiter, wobei sie weiter auf den leeren Stuhl, also die mittlerweile verschwundene Patientin/Klientin/Opfer (verwendet den Ausdruck, den ihr für richtig haltet) einredete.
Dann kam sie zum Schluss: „Und so haben wir den Moment tiefster Zufriedenheit erreicht und wenn sie die Augen öffnen sind alle Bedrängnisse und auch ihr Sodbrennen verschunden.“
Sie öffnete die Augen sah auf den leeren Stuhl, auf ihr Pendel, sich in der Gegend um und kratzte sich verwundert am Kopf. Wahrscheinlich hatte sie zum ersten Mal ein wirkliches Ergebnis erzielt. Das Sodbrennen war tatsächlich verschwunden, zusammen mit der Sodgebrannten und sie nahm sich, gemessen an ihrem Gesichtsausdruck, vor, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein und das Honorar im Voraus zu kassieren.

Aber zurück zu Ernesto Brakowic und seiner tauben Patientin. Er hatte sich inzwischen für Letzteres entschieden. Ok., für die Vergesslichen unter den Lesern, Letzteres war, zu glauben, dass seine Klientin tatsächlich taub war.

Sichtlich bemüht, seinen Lippen den richtigen Ausdruck zu geben, erklärte er ihm.
„Ich kann ihre Taubheit nur indirekt heilen. Zuerst muss ich die Wirkungen der Hirnhautentzündung beseitigen und dann nach und nach die Hörnerven frei schalten. Haben sie gehört?“
Der Taube schüttelte den Kopf und sagte „Gelesen. Ich habe gelesen was sie sagten, ich kann ja nichts hören, gell?“
Brakowic wurde leicht ungeduldig. Für die läpperlichen paar Euro dauerte das hier schon zu lange. Er beugte sich wieder über das Gesicht der Tauben, hielt ihr die Ohren zu, (eine ziemlich überflüssige Geste, wenn man bedenkt, dass die arme Frau auf der Pritsche ja sowieso nichts hörte = bedauernde Bem. des Autors) und bewegte den Oberkörper pendelnd hin und her. Seine Birne schwoll rot an vor Anstrengung, (wahrscheinlich hat’’s der Wicht mit der Bandscheibe, ja, ja, ein anstrengender Job, er sollte mal zu einem Heiler gehe…. aber ich schweife schon wieder ab) dann riss er mit einem Ruck die Hände vom Kopfe der Liegenden, wobei diese zutiefst erschrak und der Heilmächtige versehentlich einem zu nahe herangetreten potentiellen Patienten seine rechte Hand auf die niedergebeugte Nase trümmerte, worauf dieser laut aufschrie und ihm Blut aus der Nase auf die  Stirnmitte der Tauben spritzte wo es ein typisches indisches Bindi-Zeichen hinterließ. Das Karma dreht am Rad.
Typischer Fall von Kettenreaktion. Es ist wie bei jedem Medikament. Keine Wirkung ohne Nebenwirkungen, hier waren es eben Kollateralschäden. Schnell schickte der Heiler den Blutenden zum Hallensanitäter, der seinerseits mit Eis im Nacken und Kopfnachhintenlegen, also irgendwelche angeblich heilenden Hausmittel anwendete und sich damit eigentlich sich auch als Heiler bestätigte. (Darf der das oder muss er jetzt auch Standgebühren bezahlen?).

Inzwischen stand die Taube Frau wieder auf ihren Beinen. Agatha, schwer beeindruckt ging zu ihr und fragte, “wie geht es Ihnen denn? Haben sie etwas gespürt?“ Die Patientin drehte sich um und sagte,

Es war schon etwas merkwürdig, all die Energie zu spüren, die durch die Hände des Heilers in mich hineinströmte. Ich habe das Gefühl ich könnte fast wieder hören?“
„Wieso fast, was meinen sie.“
„Wollen sie auch zu diesem Heiler gehen?“
„Ja, wieso?“ Sie sah sie lange an, dann flüsterte sie, „Kommen sie junge Frau, ich erzähle ihnen etwas.“

Wir drei gingen ein Stück weg in die Caffeteria.
„Natürlich bin ich nicht taub. Ich tu nur so. Dieser Mensch hat vor kurzem 20000 Euro erschlichen die er per Fernheilung den völlig verzweifelten Eltern eines todkranken Kindes abgenommen hat, das am nächsten Tag gestorben ist. Rechtlich geht da nichts, aber ich bin dabei ihn für meine Zeitschrift bloßzustellen und einen gut recherchieren Artikel  zu machen, damit dem Kerl das Handwert gelegt wird. Wollen Sie mir helfen?

Heiler und Geheilte? Na, da war sie zumindest bei mir gold richtig und sie erzählte uns von ihrem Plan.
So saßen wir noch eine Weile zusammen, überzeugten meine Freundin Iris und schmiedeten einen Plan.
Nun wird es für heute zu lang und ich muss auf die nächste Woche verweisen. Dann geht es weiter mit der Geschichte und ich verspreche, es wird spannend und esoterisch.
Wie immer Euer Badger

PS wer von Euch eine Idee hat, wie man solche Schwindler entlarven hat, kann mir gern schreiben. In zukünftigen Beiträgen werde ich sie sicher aufgreifen.
PPS Zur Beruhing erregter Gemüter etwas Om Mani Padme Hum

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2 Antworten to “Vorsicht Heiler!!!”

  1. Monika Petry Says:

    Dass Sie einen Tubenkatharr haben, kann ich gut verstehen.

  2. Oli Says:

    hahahaaa hahahahaaa selten so gelacht, gute Story, und: lachen ist eh gesünder als sich ärgern, gell ? Oli


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